Fotomontage von Matthias Riemann mit Foto von der Firma Derix

Reformationsfenster

Das Reformationsfenster in der Marktkirche

Seit 2016 beschäftigt sich die Marktkirchengemeinde mit einem Fensterkunst-Projekt: dem Reformationsfenster von Markus Lüpertz, das dieser für ein Fenster im Südschiff entworfen hat. Auch die Öffentlichkeit nimmt regen Anteil an der Diskussion, spätestens seit der Inhaber des Urheberrechts an der Innenraumgestaltung der Kirche sich als nicht einverstanden mit dem Einbau des Fensters erklärt hat.

Wir dokumentieren hier die Chronologie und einige inhaltliche Positionen.

Chronologie des Reformationsfensters

Fensterentwurf 2018 | Foto: Firma Derix

Januar 2021
Dr. Georg Bissen kündigt an, gegen das Urteil am Oberlandesgericht Celle Berufung einzulegen.

14. Dezember 2020
Das Landgericht Hannover weist die Klage von Dr. Georg Bissen ab.

24. Juni 2019
Dr. Georg Bissen reicht Klage beim Landgericht Hannover ein.

20. März 2019
Mehrheitlicher Beschluss des Kirchenvorstands, das „Reformationsfenster“ bei der Firma Derix in Taunusstein in Auftrag zu geben, mit dem Einbau jedoch bis zur abschließenden Klärung etwaiger juristischer Auseinandersetzungen zu warten.

8. Februar 2019
Beschluss des Stadtkirchenvorstands: „Der Stadtkirchenvorstand begrüßt und unterstützt die Pläne zum Einbau eines ‚Reformationsfensters‘ […] in der Marktkirche. (Er) sieht (darin) eine besondere Chance für die zeitgenössische kirchliche Profilierung des Standorts Marktkirche.“

Dezember 2018
Der Kirchenvorstand regt ein Mediationsverfahren an, das jedoch von Dr. Georg Bissen abgelehnt wird.

Mai 2018
Information des Inhabers der Urheberrechte des Architekten Dieter Oesterlen, Dr. Georg Bissen, durch Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann. Dr. Bissen teilt umgehend mit, dem Vorhaben nicht zuzustimmen.

2. März 2018
Treffen des Kirchenvorstandes mit Markus Lüpertz und Verantwortlichen der kirchlichen Denkmalpflege.

20. Februar 2018
Der Kirchenvorstand nimmt den Entwurf an und bittet um ein Treffen mit dem Künstler.

30. Januar 2018
Vorlage des Arbeitskartons im Kirchenvorstand mit anschließender umfassender Diskussion, unter anderem mit den Vertretern der kirchlichen Denkmalpflege und Landesbischof Ralf Meister.

Ende 2017
Markus Lüpertz gestaltet einen Arbeitskarton als künstlerischen Entwurf für das Reformationsfenster.

31. März 2017
Ortstermin in der Marktkirche zur Architektur und den Auswirkungen des Einbaus eines Buntglasfensters mit Markus Lüpertz, Gerhard Schröder, Hans-Martin Heinemann, Hanna Kreisel-Liebermann, Reinhard Scheibe und Martin Krause vom Amt für Bau- und Kunstpflege der Landeskirche Hannovers.

9. Januar 2017
Sondersitzung des Kirchenvorstands: Der Kirchenvorstand der Marktkirche Hannover nimmt dankbar zur Kenntnis, dass der hannoversche Bürger Gerhard Schröder, Ehrenbürger der Stadt und ehemaliger Bundeskanzler, der Marktkirche im Jubiläumsjahr der Reformation eine Schenkung zukommen lassen will. Der Kirchenvorstand begrüßt dieses Vorhaben und beschließt, die Schenkung anzunehmen. Der Künstler Professor Markus Lüpertz ist gebeten, ein „Reformationsfenster“ für die Marktkirche zu gestalten.

Herbst 2016
Konkrete Gespräche mit Markus Lüpertz, Gerhard Schröder, Reinhard Scheibe, Hans-Martin Heinemann und Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann; Gedankenaustausch über die kirchliche, kulturelle und geistesgeschichtliche Bedeutung der Reformation und über Martin Luther. Die Idee konkretisiert sich in einem Projekt: ein Reformationsfenster für die Marktkirche.

Sommer 2016
Altbundeskanzler Gerhard Schröder, Ehrenbürger der Stadt Hannover, erwägt der Landeshauptstadt Hannover ein Kunstwerk von Markus Lüpertz zu schenken. Als Mitglied der evangelischen Kirche denkt er an die Marktkirche. Aus der ersten Idee einer Skulptur – eines zweiten zeitgenössischen Luther-Denkmals – entwickelt sich die Idee eines Kirchenfensters. Erste Gespräche mit dem Vorsitzenden des Kirchenvorstands, Reinhard Scheibe, und dem Stadtsuperintendenten Hans-Martin Heinemann.

Markus Lüpertz bei Derix | Foto: Hanna Kreisel-Liebermann

Die Betrachter sollen die Erhabenheit eines Glasfensters empfinden können und dass hinter diesem strahlenden Licht die Engel und dahinter vielleicht Gott wohnt.

Markus Lüpertz

Positionen zum Reformationsfenster

von Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr

Kirchenfenster sind eine Membran zwischen dem Gotteshaus und der Welt, in der es steht. Wer ist nicht schon mal bei einer Predigt ins Tanzspiel der Staubflocken mit den Lichtstrahlen abgeschweift? Doch die Fenster konnten immer schon mehr. Sie waren immer schon kunstvolle Botschaft des Evangeliums, gestaltet im Stil der Zeit, oft von bedeutenden Künstlern. Ihre Botschaften waren immer auch eigenständige Auseinandersetzungen, oft genug Predigt oder gar Gegenpredigt, Kommentar und künstlerische Verwandlung der Gegenwart in den christlichen Deutungskosmos. Dafür gibt es berühmte Beispiele.

Deshalb sind neue Kirchenfenster auch zu allen Zeiten umstritten. Plötzlich sehen alle sehr genau hin. Die Fenster sind nicht mehr farbenprächtige Kulisse, sondern Ort der Diskussion über die Gegenwart des christlichen Glaubens in der Form der Kunst. So wird es auch bei dem Bild von Markus Lüpertz sein. Der Entwurf gibt Rätsel auf und nötigt zum wieder und wieder Hinsehen. Die Fliege, das alte theologische Symbol für das Böse, die weiße Gestalt, die sich über die Zeichen der Vergänglichkeit schiebt. Ein Zeichen der Hoffnung? Ein Fingerzeig gegen Denk- und Theologiefaulheit angesichts des Bösen? Diese Diskussion wird die Marktkirche zu einem Ort machen, wo das ehrwürdige Vermächtnis des Christentums sich den existentiellen Fragen der Gegenwart stellt.

Darauf möge Segen liegen und die fides creatrix, die Veränderungen mit Neugier und Gelassenheit begegnet.

veröffentlicht im Gemeindebrief, Juni/Juli 2018

von Reinhard Scheibe, Vorsitzender des Kirchenvorstand

Das große bunte Fenster, das Gerhard Richter vor mehr als zehn Jahren für den Kölner Dom geschaffen hat, ist berühmt – und abstrakt. 11.500 Quadrate mit 72 unterschiedlichen Farben: Schönheit pur! Es war, als es vorgestellt wurde, trotzdem umstritten. Wie sollte es bei einem (nicht abstrakten) Fenster von Markus Lüpertz anders sein. Es findet viel Zustimmung, aber auch beachtliche Kritik. So war es auch bei der Informationsveranstaltung in der Marktkirche zum „Reformationsfenster“ am 18. Juni 2018. Professor Lüpertz hat seinen Entwurf vorgestellt und erläutert (nicht verteidigt) und als neues dominantes Element in der Marktkirche gewürdigt. Ob es die Atmosphäre in der Marktkirche verändert (Lüpertz), sei dahingestellt. Die strahlende Dominanz des Altarraums, des Altars besonders, ist wohl durch ein noch so eindrucksvolles Buntfenster nicht zu beeinträchtigen. Das Fenster soll im Südschiff sein, nicht im Zentrum der Kirche. Es wird im Übrigen bunt sein und hell, viel mehr weiß als schwarz. Das weiße Gewand der markanten Figur wird für viel Helligkeit sorgen. Das ist nicht düster. Die Figur sei Luther, sagt Lüpertz. Aber auch andere Deutungen sind erlaubt. Eine Betrachterin meinte, es könne der segnende Christus sein, ein anderer sah darin das Kleid der Getauften. Und die Fliegen? Natürlich sollen sie Symbol des Bösen sein. Aber das Böse kann auch vertrieben werden, nach der Legende mit einem Tintenfass.

veröffentlicht im Gemeindebrief August/September 2018

aus Anlass des Lüpertzschen Entwurfs für ein Fenster in der Marktkirche
von Kirchenhistoriker Prof. Dr. Thomas Kaufmann

Lukas Cranach d. Ä., der Luther auch persönlich nahestehende und Wittenberger Künstler und Geschäftsmann, hat bekanntlich die Lutherbilder seiner Zeit und aller nachfolgenden Generationen geprägt wie kein zweiter.[…] Cranach d. Ä. fertigte zunächst in den Jahren 1520/1521 drei Kupferstiche des Wittenberger Mönchs an, von denen zwei – der Mönch mit Buch in der Nische und der Mönch mit Doktorhut, jeweils in leicht veränderten Fassungen, auch im Spiegel der druckgrafischen Rezeption größere Aufmerksamkeit gefunden haben.[…] Als nächster Typus des Lutherbildnisses kamen in engem zeitlichen Umkreis der Eheschließung Doppelporträts des Reformators mit Katharina von Bora auf; sie sind in verschiedenen Ausführungen bezeugt. Dieser Porträttypus war in gewissen Varianten bis in die späteren 1530er Jahre hinein belegt. […]

Die bis in unsere Gegenwart prägend gebliebenen Visualisierungen Luthers entstammen vornehmlich dem 19. Jahrhundert.[…] Man brachte den erfahrenen, überlegenen Lehrer, den bürgerlichen Theologen, den sprachkundigen Bibelübersetzer, das gestandene Mannsbild, den begeisternden Professor ins Bild, den Familienvater, die männliche Autoritätsfigur, den Reformator – nicht aber, wie im 16. Jahrhundert den Mönch und den Ehemann. Alsdann, früh materialisiert im Wittenberger Lutherdenkmal Schadows von 1821, der Lutherkult des Wartburgfestes, die Lutherbeseeltheit der deutschen Nationalbewegung im Zuge der Freiheitskriege und der staatliche Wille Preußens, Luther zum kulturellen Identitätsmarker seiner Geschichtspolitik zu machen, kraftvoll und penetrant ineinanderflossen, wurde die deutsch-protestantische Welt mit Bronzestatuen auf den Marktplätzen übersät.[…] Noch heute dominieren in zahlreichen evangelischen Städten grimmige, hässliche, überlebensgroße Monumentalplastiken des dramatischen Berserkers, des hoch aufgeschossenen Professorengermanen, des unerbittlich streitenden Wahrheitsgiganten den Raum.

Der Lüpertzsche Entwurf für die Marktkirche bietet eine Chance der Auseinandersetzung mit Luther und könnte ein wichtiger Baustein für ein verändertes Lutherbild werden. Künstlerisch setzt er neu an. Er spinnt nicht einfach fort. Er eröffnet einen befreienden Blick, von dem wir Evangelischen nicht einfach loskommen, mit dem wir aber verantwortlich, im Horizont unserer Gegenwartskultur umzugehen haben. Für ein historisch verantwortetes Lutherbild ist der Lüpertzsche Entwurf überdies einladend, denn er setzt da an, wo alles begann: in der visuellen Situation des Mönchs, des Priesters, des jungen Luther, des Angefochtenen, des Bedrängten.[…] Luther ist uns in vielem fremd geworden. Darin liegt eine Chance. Der künstlerische Blick kann dabei helfen, unsere eingespielten Blickrichtungen zu verlassen. Mit einem „Vorbild Luther“, so denke ich, ist heute kaum jemandem gedient. Doch Luther kann ein Anreger sein, um beten zu lernen, nicht viele Worte zu machen, aber von Herzen zu Gott zu sprechen. Gott fürchten, lieben und vertrauen, vertrauen, fürchten und lieben – Beziehungsreichtum zum ewigen Gott, der mir im leidenden Menschen Jesus ganz da ist. Der einhämmernde, agitatorische Luther, der Rechthaber, der deutsche Professor – den brauchen wir nicht. Aber den Sprachkünstler, den Tröster, den angefochtenen Christenmenschen werden wir schätzen lernen. Das Kirchenfenster mag dabei helfen.

Auszüge aus dem Vortrag in der Marktkirche am 22. Juli 2019

von Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann

Die Marktkirche ist geprägt von Kunst aus verschiedenen Jahrhunderten. Der Altar, die Taufbecken und Epitaphien aus dem Mittelalter, Fenster aus drei Epochen (Mittelalter, 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert), die Orgeln aus drei Jahrhunderten und moderne Kunstwerke wie z.B. das Portal von Gerhard Marcks, der Abendsegler und das Relief in der nördlichen Taufkapelle aus diesem Jahrhundert.

Sie fügen sich zu einem großen Ganzen mit der Größe und der Atmosphäre der gotischen Halle. Und doch wirkt jedes einzelne Element auf uns, berührt unsere Sinne und Gefühle und reizt zu Fragen. Für diesen Schatz sind wir dankbar.

Unsere Aufgabe als dort Verantwortliche ist, Hüter*innen des Hauses Gottes und Vermittler*innen der lebendigen Botschaft von der Güte Gottes, der Liebe Jesu und der Gemeinschaft im Heiligen Geist zu sein. Wir versuchen es auf vielfältige Art und Weise. Wir laden ein zu: Musik, Ausstellungen, Gottesdiensten, Gesprächsgruppen, Vorträgen und Diskussionen sowie Kirchenführungen. Für und mit Kindern in unserer Kita und Kinderkrippe, in unseren Chören von 4 Jahren bis 99+.

Und so soll es auch mit dem geschenkten Kirchenfenster des Künstlers Markus Lüpertz anlässlich des Reformationsjubiläums im Jahre 2017 werden. Der Kirchenvorstand hatte sich intensiv mit dessen Gestalt und Inhalt befasst und hat nach durchaus kontroversen Beratungen entschieden, dass das Fenster, gefertigt von Firma Derix, eingebaut werden soll. Dass wir dabei auf Widerstand des Urheberrechtsverwalters stießen, bedeutete, dass wir eine Rechtsanwaltskanzlei beauftragen mussten, die unsere Interessen vertritt. Wir danken dem Stadtkirchenverband und dem Kirchenkreis, dass sie uns dabei unterstützen.

Kirchen beeindrucken, weil immer wieder Menschen, Bürger und Bürgerinnen und Gemeindemitglieder mit kleinen und großen Spenden zu deren Bau und Ausstattung beigetragen haben. Und die Kirchen(gemeinden) sind so bunt und vielfältig, weil Menschen ihre Zeit und auch Geld investieren, um sie „am Laufen“ zu halten, Bezahlte (Hauptamtliche) und Unbezahlte (Ehrenamtliche). Das Reformationsfenster wird eine Bereicherung für die Marktkirche und ihre Ausstrahlung werden, davon bin ich überzeugt.

Und ich wünsche mir sehr, dass all jene, die derzeit skeptisch oder ablehnend sind, mit der Veränderung eines der zahlreichen Fenster ihren Frieden machen werden.

März 2020

Foto: Hanna Kreisel-Liebermann